| aus dem Tagebuch eines Steuermanns: |
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Fünf Tage Zeit, herrlichstes Segelwetter – Was hätte man da alles mit der ‚Greif von Ueckermünde‘ besegeln können? Wir wären bis Bornholm gekommen oder wenigstens einmal rund Rügen. Wir hätten da richtig Meilen für unsere Meilenbücher machen können! Aber es ging nur einmal in den Greifswalder Bodden bis kurz vor Lauterbach und auf der gleichen Strecke wieder zurück nach Ueckermünde. Wie einfach wäre es gewesen, wenn wir den Jungs schnell die wichtigsten Fachbegriffe der Seemannssprache eingebläut hätten, mit ihnen bestimmte Abläufe und Kommandos einstudiert hätten, ihnen Knoten und Wachpläne vorgegeben hätten, ihnen mit lauter Stimme klare Befehle um die Ohren gepeitscht hätten.
Wir hätten vielleicht sogar Südschweden erreichen können, aber darum ging es auf diesem Törn nicht. Es ging uns nämlich diesmal darum, unsere Crew zu ganz anderen neuen Ufern aufbrechen zu lassen. Sie bestand aus sieben pubertierenden Jungen, die es bisher gewohnt waren, ein fremdbestimmtes Leben zu führen. Zuhause, in der Schule, im Verein sagen die Erwachsenen ihnen, was sie zu tun haben und was nicht. Sie haben kaum Gelegenheit, die Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidungen und ihres eigenen Handelns wirklich zu erleben. Im dichtgedrängten Alltagsleben ist nur wenig Raum dafür da, um zu erfahren, was passiert, wenn die Jungs ihr Leben selbst in die Hand nehmen würden, keine Zeit für Versuch und Irrtum. Meist geht es darum, möglichst schnell und unkompliziert die Ziele der Erwachsenenwelt zu erreichen. Ständig nehmen wir Erwachsene den Jugendlichen die Verantwortung ab und geben ihnen zumindest indirekt vor, was sie zu tun haben. „Räum dein Zimmer auf!“, „Kämm dir die Haare!“, „Beeil dich!“, „Lass das!“, „Benimm dich mal!“. Sie müssen schließlich pünktlich in der Schule oder beim Fußball sein und die Nachbarn oder die Verwandtschaft sollen doch auch einen guten Eindruck von ihnen bekommen. Der begrenzte Mikrokosmos eines Segelschiffes bietet dagegen den idealen Rahmen, um auf eigenen Füßen stehen zu lernen, um kreativ neue Wege einzuschlagen. Wer hätte von uns Erwachsenen vor der Fahrt gedacht, wofür man die aufgeblasenen Gummifender an Bord noch einsetzen kann? Für uns hatten sie die Aufgabe, den harten Zusammenprall von Schiff und Anlegestelle abzufedern. Die Jungs machten daraus aber ein schwimmendes Trampolin, auf dem sich alle möglichen Kunststücke trainieren ließen. Hier konnten sie ihren Mut erproben, ihre Motorik schulen, ihren Gruppengeist stärken und jede Menge Spaß haben. Das alles wäre uns entgangen, wenn wir morgens gesagt hätten: „Lasst die Fender in Ruhe, das sind sicherheitsrelevante Bordmittel!“, „Klarmachen zum Anker lichten!“, „Alle Mann auf Station!“, „Wir fahren jetzt nach Kopenhagen.“ Wer hätte gedacht, dass der Weg zur nächsten Döner-Bude über den Greifswalder Bodden führt oder dass der höchste Sinn des Segelns im Anlaufen unterschiedlicher Badepositionen liegen kann? Klar, dass wir mit unserer unorthodoxen Seemannschaft beim Anlegen manchmal misstrauisch beäugt wurden, aber entscheidend ist, die Jungs erreichten ihre Döner-Bude und das, obwohl keiner mehr Hunger hatte. Aber es war ein steiniger Weg, bis so etwas möglich wurde: „Was wollt ihr morgen machen?“, „Wo wollt ihr hinfahren?“, „Was habt ihr für Wünsche?“ – Bei solchen Fragen kehrte an Bord eine ungewohnte Stille ein. Klar, wenn man ein Ziel äußert, muss man auch etwas dafür tun, um dort hin zu kommen. Anker lichten, Segel setzen, Ruder gehen. Sich mit der Seekarte auseinandersetzen und berechnen, wie lange wir vielleicht unterwegs sein könnten. Müssen wir gegen den Wind kämpfen, wird es ungemütlich, kommen wir in die Dunkelheit? Sind wir bereit, uns bei hohen Wellen, Kälte und Nässe am Oberdeck für die nötigen Segelmanöver bereit zu halten? Was anfangs zäh begann, entwickelte hoffnungsvolle Ausblicke. Eigene Schwächen wurden mehr und mehr wahrgenommen und akzeptiert und mit den Stärken der Anderen verbunden. Eine Art Teamgeist begann sich langsam zu entwickeln. Der Eine kann gut reden und bestimmen, der Nächste kann ausrechnen, wie lange wir unterwegs sind, der Dritte hat die nötige Kraft, um das Großsegel hochzukurbeln und der Vierte hat die Ausdauer, um lange Zeit am Ruder zu stehen. Und beim Durchsetzen der Klüverschot ist schließlich die gebündelte Kraft Aller notwendig. Fünf Tage sind natürlich viel zu kurz, um solche Prozesse wirklich bis zum Ende ausreifen zu lassen. In fünf Tagen kann man vielen Konflikten noch aus dem Weg gehen und sich zusammenreißen. Für grundlegende Verhaltensänderungen bräuchte man wenigstens die doppelte Zeit. Doch es bleibt die Hoffnung, dass diese, an erlebnispädagogischen Gesichtspunkten orientierte Fahrt den Jungs kleine Anstöße mit auf den Weg geben konnte: Nicht nur auf den ungünstigen Wind, der ihnen häufig aus der Welt der Erwachsenen entgegenweht zu schimpfen, sondern Visionen und Pläne für einen eigenen Lebensweg zu entwickeln und Kurs und Segel so gut wie möglich zu setzen, um diese auch früher oder später verwirklichen zu können. |










